Vor dem Fußballgott sind alle gleich

Timing ist alles
Timing ist alles

Dienstag, 18.09.2012 – Ich sitze im ICE von Würzburg nach Düsseldorf. Vor mir mein Laptop mit der Bachelorarbeit. Eigentlich wollte ich ja Mitte September fertig sein. Abgabe ist am 1. Oktober. Stattdessen habe ich in den letzten vier Wochen fünf Staffeln Breaking Bad geguckt, habe mich einer Studentenverbindung angeschlossen und einen spontanen Zypernurlaub gebucht, weshalb ich mich gerade auf dem Weg zum Flughafen befinde. Aber gut, so ein letztes Kapitel schreibt sich am Strand mit Cuba Libré sicher viel besser. Das wird sicher klappen (Spoiler: Wird es nicht).
Geht es noch jemanden so, dass aus der Sicht eines Berufstätigen mit halbwegs funktionierendem Selbstorganisationssystem, man sich immer wieder die Frage stellt, wie man als Student nur damit durchkommen konnte? Echt unfassbar, dass das funktioniert hat. Wobei „funktioniert“ auch falsch beschrieben ist. Unfassbar, dass das nicht komplett in sich zusammengefallen ist.

Flughafen

Mein Ziel ist der Düsseldorfer Flughafen. Von hier aus geht es mit einem alten Schulkameraden nach Zypern zum ersten Auswärtsspiel der fabelhaften Borussia seit rund anderthalb Jahrzehnten.
Flughäfen sind ja biertrinkertechnisch auch ein Phänomen.

Cheers
Cheers
Sobald ich die Wartehalle betrete, bin ich im Urlaubsmodus und habe die Spendierhosen an. Hefeweizen 5,20€? Ach, ist ja Urlaub. Bring ran!
So ambivalent wie Gladbachs Erfolge und Misserfolge ist auch mein Interesse für Fußball in den letzten 23 Jahren gewesen, wenn auch nicht unbedingt proportional.
Mit Zwölf kannte ich jeden Jugendspieler, jede Amateurrückennummer, sah jedes Spiel und las jede Nachricht, die es zu meinem Verein gab. Den Aufstieg erlebte ich auf dem Bökelberg live mit und war somit auch dabei, als Maxi Eberl seinen einzigen Elfmeter verschoss (selbes Ereignis brachte mir 10 Jahre später eine Kiste Bier ein, aber dazu an anderer Stelle mehr).
Mit gymnasialer Mittelstufe und akuter Hochpubertät verlor ich mein Fußballinteresse. Modepunk und Gladbach passten irgendwie nicht zusammen und die Tatsache, dass Fußball und Bier sich eigentlich ja perfekt kombinieren lassen würde, leuchtete mir damals noch nicht ein.

Echt ey. Scheiß FC Bayern

Hauptsache anders
Hauptsache anders

So kam es, dass erst der Umzug in den Freistaat und die Omnipräsens von FC Bayern Fans, mich meine Liebe zur Borussia wiederentdecken ließen. Was soll das eigentlich in Würzburg? Das Müngersdorfer Stadion ist auch nur 20 Minuten weiter von der alten Mainbrückte entfernt als die Allianz Arena. Eintracht, Club oder von mir aus auch VFB und KSC. Alles besser als jedes Jahr Meister zu werden.
Naja, so lässt sich jedenfalls meine einst erkaltete Borussialiebe wunderbar mit dem spätpubertären „ich bin total dagegen“ kombinieren und so führt mein Weg mich, nach einigen innerdeutschen Spielen in den Vorsaisons, nun nach Zypern. Begleitet werde ich von einem ehemaligen Schulkameraden, mit dem ich zwar nie viel zu tun hatte, der aber ebenfalls Anhänger der „eine Woche Sandstrand“-Zeile aus dem Europapokallied ist.

Dumm Jelaver

Ich diskutiere wirklich gerne
Ich diskutiere wirklich gerne

Und ich kann euch nur sagen: internationale Auswärtsfahrten sind fantastisch. Das ist, als hätte man das Mittelmeer an den Niederrhein geholt, nur dass die Kellner kein Deutsch können. Überhaupt hörst Du schöne Viersener Redensarten, wohlbekannte Gladbachlieder und wie verzweifelte Männer erfolglos „Diebels Alt“ bestellen.
Ehe ich mich versah, saß ich zwischen hunderten von Fußballfans in einer Strandbar, trage Badehose und Trikot, schütte mir Carlsberg in rauen Mengen in den Hals und diskutiere in breitestem pseudo-niederrheinisch-platt über eine mögliche Aufstellung und Wechseloptionen.
Und ich mein, ganz im Ernst, als hätte ich eine Ahnung davon, ob es eine gute Idee ist Wendt für Daems spielen zu lassen. Als hätte da irgendjemand hier eine Ahnung von. Aber ist doch egal. So diskutiere ich, als trikottragender Verbindungsstudent, mit einem arbeitslosen Kuttenträger, einem leitenden Angestellten eines großen deutschen Bankhauses und einem Postboten darüber, wer denn dann jetzt die Elfmeter schießt.
Das sind ja Fragen, da hat niemand wirklich was zu beizutragen. Also ich mein: Was soll man denn da sagen? Aber man sagt es trotzdem.

Das Spiel

Ganz geile Kulisse
Ganz geile Kulisse

So bringt man sich ja eigentlich durch jeden Spieltag bis zum Anpfiff. Bier trinken und so richtig schön Scheiße reden.
Die ersten 96 Minuten des Spiels waren Mist, können wir skippen. Aber dann, als Wendt anlief und das Scheißding an die Latte zimmerte, als der Auswärtssieg gestorben war und die Kurve in kollektive Trauer verfiel, hatte ich meine Erleuchtung.
Mir wurde klar, das Schöne am Fußball sind keine langen Flanken und schnelle Konter. Es ist auch nicht die Tatsache, dass Fußball dazu legitimiert, schon mittags mit dem Trinken zu beginnen. Es ist etwas, was ich erst verstanden habe, als ich mehrere tausend Kilometer von zu Hause weg, in einer unüberdachten Gästekurve, umringt von einem soziokulturellen Durchschnitt der Fanschaft sah, wie ein Elfmeter in der siebten Minute der Nachspielzeit an die Latte ging. Fußball hat etwas Verbindendes. Fast schon was Kulturelles. Es verbrüdert. Denn vor dem Fußballgott sind alle gleich.
Darauf ein Altbier. Und ein dreifaches „VFL! VFL! VFL!“.

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