Faszinosum Dorfdisco

Ich komme vom linken Niederrhein. Meine Heimat ist geprägt durch ländliche Strukturen. Klar, Du bist in 45 Minuten mit’m Zug in Düsseldorf, aber zum Zechen dahin gefahren bin ich eigentlich nie.
Viel eher ist es doch so, dass man sich als Heranwachsender das lokale Angebot irgendwie schön trinkt.
Nun ist es so, dass ich gerne Musik mit Instrumenten höre, somit war der übliche Utze-Utze-Laden für mich keine Wahl. Stattdessen verbrachte ich so ziemlich jeden zweiten Freitag meiner Jugend auf einer Zwei-für-Eins-Rock-Party im Nachbarort. Mit 5 Kilometern Entfernung in absoluter Fahrradreichweite von meinem Elternhaus.

Immer irgendwie das Gleiche

Tanzfläche des beschriebenen Ladens
Tanzfläche des beschriebenen Ladens

Es nimmt ja immer auf gleiche Art und Weise seinen Lauf. Meistens schon auf dem Schulheimweg wird besprochen, wo und wann man sich zum „Vortrinken“ trifft. Den Begriff des Vorglühens find ich bis heute merkwürdig und gab es damals auch noch nicht.
Zu Hause dann nochmal im ICQ abchecken, wer denn so dabei ist. „Heute BaCa?“ – „joa, wollte eigentlich nicht, aber aus Mangel an Alternativen wohl“.
Runde mit’m Hund, Billigbier fürs Vortrinken kaufen (Landfürst Alt!), Abendessen mit Family und ab geht die wilde Fahrt.

Vorglühen hieß noch Vorsaufen

Auf’s Rad und hin in irgendein Kinderzimmer, Gartenhaus, Kellerpartyraum, Garage oder, wenn irgendwo die Eltern nicht da sind, in irgendein Wohnzimmer. Diese Vorsaufabende sind wirklich ein akuter Fall von „täglich grüßt das Murmeltier“. Da hat sich ja wirklich nie was geändert. Ich scheppere mir irgendwie mein mitgebrachtes Alt rein, um in Stimmung zu geraten, rauche Kette und wünsche mir alle 20 Minuten „Pimmel raus, Mofa fahren“ vom Typen, der am iPod sitzt.

Auf geht’s

So, 00:00 Uhr ist durch, jetzt aber los. Irgendein ungeschriebenes Gesetz verbot es ja, zu früh einen entsprechenden Laden zu betreten. Ehrlicherweise war das aber nicht, weil wir so cool waren, sondern um Geld zu sparen. Besonders sparsame Menschen blieben dann den ganzen Abend mit Flaschenbier vor’m Club stehen. Kann auch mal nett sein.
Aber heute wollen wir rein. Willkommen zu Hause. Selbst die Leute hier, die ich nicht kenne, habe ich schon so oft gesehen, dass man sich grüßt. Bilder aus diesem Laden kann ich nur über meine Frisur einer Jahreszahl zuordnen, sonst war immer alles gleich. Ich war hochgerechnet über 100 mal in diesem Schuppen. Kommt mir vor wie eine lange Nacht.
„Die Anderen suchen wir später, lass erstmal an die Theke.“ 2 für 1. Spitzen Preiskonzept. 2 * 0,5 Liter holländisches Grolsch für 3,50 €. „Kannste nix sagen“.
Nun besteht der Abend erstmal hauptsächlich aus Rumlaufen, Rauchen, Bier trinken und sich gegenseitig vollblubbern. Und zwar genau so lang, bis Alkoholpegel und Begeisterung für die Musikauswahl des DJs ein gefährlich ausgleichendes Level erreicht haben. Also wenn ich nüchtern bin und es kommt tatsächlich Blinker Links, wird mich das wohl immer irgendwie Richtung Tanzfläche ziehen. Im Vollsuff reicht auch schon mal „Geile Zeit“, um komplett auszurasten. Ja, ich weiß.
Meistens ist aber ja irgendwie ein Mittelmaß aus ordentlich angetrunken und Oasis, was mich auf die Tanzfläche zieht. Mittelguter Suff ergänzt sich mit mittelguter Musik.

Tanzen als Nicht-Tänzer

She knows it's too late
She knows it’s too late
Wichtige Grundregel für den pubertierenden Troostiboy: Eine Hand ist immer am Getränk. Ohne Bierflasche in der Hand kann ich mich da einfach nicht richtig bewegen. Fühle mich quasi nackt. Zweite Hand üblicherweise an der Zigarette, dank Nichtraucherschutzgesetz dann aber auch häufig in der Hosentasche. Bisschen mit dem Fuß wippen, bekannten Gesichtern wissentlich zugrinsen und vor allen Dingen mit seiner Gang im Kreis stehen und laut mitgröhlen: „SOOOOOOO! SALLY CAN WAIT!“.
Die Playlist in diesem Schuppen kann ich immer noch mitsprechen. Don’t look back in Anger, Otherside, Self esteem, I write sins not tragedies, vielleicht nochmal Chop Suey und wieder von vorne. Irgendwie so.
Zu meinen jugendlichen Geniestreichen gehörte es, mir mit zwei Freunden im Abstand von 30 Minuten rotierend das selbe Lied zu wünschen und sich vollends zu feiern, wenn es klappt. Das war wirklich genial, oder? „Ein Volk steht wieder auf, na toll, bei Aldi brennt noch Licht….“

Was nun?

Nun gibt’s eigentlich vier wesentliche Optionen, den Abend ausklingen zu lassen.
Option 1 – polnischer Abgang. Würde ich jedem empfehlen, habe ich selber leider viel zu selten gemacht. Zweite Option wäre, sich dem anderen Geschlecht zu widmen, für so was sind Discotheken ja auch irgendwie da. Führt aber aufgrund der ausbleibenden Durchmischung des Publikums zwangläufig dazu, dass man am Montag in der Schulcafeteria Gesprächsthema ist.
Option 3 wäre wohl, mit den Hippies vor der Tür einen zu kiffen, das verträgt sich aber nicht sonderlich mit Alkohol, so dass ich mich sehr häufig für Option 4 entschied: Ich suche mir jetzt einen Gleichgesinnten und trinke die Verzehrkarte voll.

Welt retten mit Scheiße reden

Menschen brauchen Ziele
Menschen brauchen Ziele

Thema möglichst hochtrabend. Politik, Moral, Werte oder auch das gute, alte „Wir sollten einen Band gründen.“ Boah, wie viele geniale Ideen ich schon nachts um 4 an dem Stehtisch am Eingang vom Barraum hatte… unfassbar!
Wichtig bei der Getränkewahl: Ab jetzt geht es rund mit Schnaps. Also schön irgendwas bestellen, was man bis dato noch ganz gerne mochte, jetzt aber so viel davon trinken wird, dass es einem nie wieder schmeckt. So verlor ich die Lust an Tequila, Korn, Jägermeister, Wodka und und und.
Diese scheiß Verzehrkarte natürlich niemals verlieren. Kostet in der Dorfdisco ’n Fuffi. Ist mir einmal passiert, dafür hab ich ein anderes Mal eine leere gefunden. So gleicht sich wohl alles aus.
So, Verzehrkarte voll, Welt gerettet, Gesprächspartner vom Toilettengang nicht wiedergekommen – ab nach Hause. Die Radfahrt durch die kalte Nacht hat ernüchternde Wirkungen. Vielleicht mal wieder ’nen Platten?
Daheim dann das übliche Programm: Drei fleischige Brote schmieren, irgendeinen Film anmachen, sofort einschlafen, ohne irgendwas gegessen zu haben. Vatter hat sich dann häufig morgens erbarmt, mich schlafen lassen, meine Brote gegessen und sich den Bud Spencer Film angeguckt, den ich mir nachts bei T-Home gekauft hatte.
Mein letzter Besuch: Mit Scheitel und Doppelkragen.
Mein letzter Besuch: Mit Scheitel und Doppelkragen.

Boah, was ein Kater. Toll war’s nicht. Schlecht auch nicht. Schnell bei flickr gucken, ob jemanden Fotos von mir hochgeladen hat. Und schnell alle im ICQ anschreiben: „In 2 Wochen gehen wir aber wieder, oder?“
Heute gibt’s den Laden nicht mehr und gegen Ende wurde auch die Musik immer schlechter. Gehört wohl auch irgendwie dazu. So konnte ich bei meinen letzten Besuchen immer drauf verweisen: „Früher war besser“.

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