Mein Berlin Marathon

Boston, Tokio, London, Chicago, New York, Berlin. Das ist die berühmte Städteliste, die jeder Marathonläufer (und Troostiboy-Leser) kennt: Es sind die 6 Marathon Majors. Nur einem kleinen Kreis von Menschen ist es gelungen, alle 6 ins Ziel zu bringen, und mein Traum ist es, irgendwann dazuzugehören.

Nachdem ich Chicago und New York in den letzten beiden Jahren schon hinter mich bringen durfte, stand in diesem Jahr der Hauptstadt-Marathon an.

Mitm Auto nach Berlin

Während in den letzten beiden Jahren der Marathon ja immer mit ganz viel Aufregung und eben transatlantischem Reisen verbunden war, geht jetzt alles ganz flott. Mitm Auto nach Berlin fahren, Startnummer abholen, Carbo loaden, fertig. Sonntag um 7 Uhr klingelt mein Wecker und ich zwänge mir zum Frühstück die obligatorischen 4 Brötchen mit Honig rein.

Werbeplakat 'Start as a runner, finish as a Berliner' in der Halle des Flughafens Tempelhof
Mal gucken, ob das klappt

Muss sagen, im Vergleich zu New York im letzten Jahr erwarte ich heute eine relativ stressfreie Anreise. 30 Minuten U-Bahn zum Bundestag und ich darf mit meiner Startnummer eh erst um 9 Uhr aufs Gelände, also kein Grund zu früh loszufahren.

Selfie vor dem Reichstagsgebäude am Morgen des Berlin Marathons
Noch völlig entspannt

Es ist schön zu merken, wie international auch hier das Teilnehmerfeld ist. Bei den Marathon Majors gibt es einen bestimmten Verteilungsschlüssel, was die Startplätze pro Kontinent und Nation angeht.

Erdinger-Lounge

Nachdem ich am Startbereich angekommen bin, steuere ich erstmal zielsicher auf den Erdinger-Bereich zu. Nein, hier wird nicht schon vorm Startschuss gesoffen, aber es gibt einen bestimmten Aufenthaltsbereich für die Mitglieder im Erdinger-Active-Team. Da kann man für ein paar € im Jahr Mitglied werden und hat neben ein paar Rabatten und Gewinnspielen eben auch die Möglichkeit, hier in dieser Area abzuhängen.

Gibt jede Menge Getränke, Käffchen und saubere Toiletten ohne Schlange. Würde ich wirklich jedem empfehlen, der in Berlin startet.

Pavillon des Erdinger-Active-Teams am Startgelände
Willkommen in der Lounge

Machen wir uns nix vor: Es ist quasi die American Express Lounge des Sports. Wer das Original haben will, gerne meinen Link nutzen. Wenn Du hier klickst, bekommen wir beide 85.000 Punkte.

Startzeit 10:27

Um kurz nach 10 mache ich mich auf den Weg zur Startlinie, meine offizielle Startzeit ist 10:27 Uhr. Die üblichen Hochrechnereien und Trainingsergebnisse der letzten Woche haben für den heutigen Tag eigentlich alles offen gelassen.

Mein Ziel für heute ist aber in allererster Linie einen richtig geilen Tag zu haben. Sowohl beim Hermannslauf dieses Jahr (mehrfach im Stau gestanden wegen Überfüllung und Notarzteinsatz) als auch beim Ironman Frankfurt (Streckenkürzung wegen 40 Grad Hitze) habe ich gelernt, dass am Wettkampftag eh alles passieren kann und es wichtig ist, sein Fazit vorher zu ziehen. Ich bin mit meiner Marathon-Vorbereitung sehr zufrieden. Es hat mich über den Sommer in Bewegung gehalten und ich habe es trotzdem nicht zu ernst genommen und auch mal auf dem Weinmarkt in Bielefeld zugeschlagen. Das passt so.

Belohnen wir uns heute noch mit einem guten Lauf.

Als Tipp vielleicht dafür: Ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, mein Rennen ausschließlich nach Herzfrequenz zu pacen und habe die meiste Zeit auch wirklich nur die HF auf der Uhr angezeigt. Die gleiche Pace kann bei unterschiedlichem Wetter und anderer Tagesform nämlich eine ganz andere Belastung bedeuten, während die Herzfrequenz zumindest bei mir sehr gut die „gefühlte Belastung“ und was ich gut geben kann, darstellt.

Straße des 17. Juni

Der Weg zur Startlinie führt durch den Tiergarten bis ich schlussendlich auf die Straße des 17. Juni einbiege. Ich drehe mich absichtlich nicht um, ich will das Brandenburger Tor erst zum Zieleinlauf erblicken. Man muss sagen, diese Straße wirkt, als wäre sie für einen Marathon-Start gebaut. In der Ferne kann man die Siegessäule erkennen, riesige Bildschirme, Flammenwerfer (sic!) und laute Musik. Ich bin irgendwie so gar nicht nervös. Ich freue mich. Es ist mein zehnter Marathon. Moment, wirklich? Zweimal Corona-Self-Made-Rennen, Münster, Frankfurt, IRONMAN Hamburg, IRONMAN Italy, IRONMAN Frankfurt 2024, Chicago, New York und heute Berlin – ja tatsächlich, schon das zehnte Mal geht es über 42,195 km. Wahnsinn.

Läuferfeld vor dem Startbogen auf der Straße des 17. Juni
Gleich geht's los

Ich überquere die Startlinie und los geht’s. Das Stück hier ist mir sehr vertraut, fester Teil meiner Stammjoggingstrecke bei Dienstreisen nach Berlin.

Bei KM 2 tippt mir jemand auf die Schulter „Ja moin, ich dachte mir, den kennst du doch“. Das ist Andy. Liest seit Jahren meinen Blog und hatte mich 2024 im Zielbereich in Frankfurt schon mal angesprochen. Nun hat er von hinten das mindsquare-Logo aufm Shirt erkannt und ist extra auf mich aufgelaufen. Hach, das freut mich immer.

Einfach hinterherlaufen

Bei KM5 entdecke ich im Teilnehmer-Feld einen sogenannten „Pacemaker“. Das sind Läufer, die eine bestimmte Zielzeit deutlich sichtbar auf dem Rücken tragen und an denen man sich bewusst orientieren kann. Der Pacer hat die 4h45min aufm Rücken, was mir ziemlich gut passt, weil das genau bedeuten würde, dass ich eben nicht zu schnell anlaufe und erstmal locker reinkomme. Also habe ich eine neue Pacing-Strategie: Ich versuche einfach immer hinter ihm zu bleiben und solange das von Gefühl und Puls her grob in die Richtung passt, lasse ich ihn das Pacing machen. So viel zu meinem schlauen Herzfrequenz-Tipp von vorhin.

Vor zwei Wochen beim Bremer Halbmarathon hatte ich eine kleine Wette gegen eine Kollegin laufen: „Wer zuerst ins Ziel kommt, darf den anderen zu einer Sportart zwingen“. 20km lang lief sie genau 10cm hinter mir, inklusive aller Spielchen. Wenn ich langsamer wurde, wurde sie langsamer. Blieb ich stehen, blieb sie stehen.

Am Ende konnte ich unser Rennen zwar für mich entscheiden (und dieser verschissene Hyrox blieb mir erspart), aber das war 20km absoluter Psychoterror für mich. Umgekehrt konnte ich mir daher vorstellen, wie angenehm das ist, einfach irgendwo hinterherzulaufen und genau das mache ich jetzt bei diesem Pacemaker.

Pacemaker mit Rucksack im Läuferfeld, im Hintergrund der Friedrichstadt-Palast
Einfach hinterher

Siso!

Wir passieren den Friedrichstadt-Palast, was für eine Kulisse. Also Berlin hat schon wirklich einfach eine geile Laufstrecke und auch die Stimmung braucht sich ohne Übertreibung nicht vor New York verstecken.

Alexander Troost mit Startnummer 34602 im Läuferfeld in Berlin-Mitte
Läuft

Es geht über die Torstraße Richtung Prenzlauer Berg. Ich kann mich nicht ganz orientieren, aber wir dürften hier gar nicht so weit weg vom mindsquare-Büro sein. Passenderweise erkenne ich bei KM10 meinen Arbeitskollegen Simon mit seiner Freundin Otti am Streckenrand. Ich brülle aus voller Kehle seinen Spitznamen „Siso“ über die Strecke und freue mich wahnsinnig ihn entdeckt zu haben. Aber gut, hilft natürlich, dass er 2,08 m groß ist.

Weiter geht’s Richtung Neukölln. Ich renne weiter dem Pacemaker mit der 4:45 hinterher. Ab KM15 beobachte ich den Streckenrand besonders aufmerksam, denn ca. bei KM 16 wollte mein Kollege und Ironman Yannik stehen. Um jedes Klischee zu bestätigen: In Neukölln riecht es ununterbrochen nach Gras. Schlimmer als in der Bronx beim New York Marathon. Finde mich selber sehr lustig, als mir dieser Vergleich einfällt.

Aber um das nochmal klar zu sagen, die Stimmung hier kann wirklich mit New York mithalten. Keine Ahnung, ob das meine Heimatverblendung ist, weil ich natürlich viel auch auf deutsch angefeuert werde oder ob es wirklich am guten Wetter liegt. Ich habe zwar meine Kopfhörer dabei, höre aber auf der gesamten Strecke heute nur zweimal kurz Musik, weil ich die übrige Zeit die Atmosphäre voll aufsaugen möchte und alles mitkriegen.

Von wegen alles mitkriegen: Yannik habe ich leider verpasst. Schade. Aber trotzdem danke für den Support!

In Kreuzberg überhole ich den berühmten Ananas-Läufer. Was für ein Typ, der rennt regelmäßig Marathons mit einer Ananas auf dem Kopf. Es gibt so krankes Zeug in diesem Sport.

Selfie im Rennen, im Hintergrund ein Läufer mit Ananas auf dem Kopf
Was ein Typ

2h20min

Ich laufe weiter stumpf die Pace des Pacemakers, die Pulswerte passen dazu. Bei KM20 ist mir dann aber die Trinkpause des Pacemakers erstmal zu langsam und ich laufe weiter. Bei der Halbmarathon-Marke überprüfe ich das erste Mal meine Gesamtzeit: 2h20min für die erste Hälfte. Ja gut, das ist eigentlich perfekt. Das bedeutet nämlich zum einen, die Bestzeit von 4:34 wird heute nicht fallen, das kann ich mir sofort aus dem Kopf schlagen und zum anderen, eine schöne Sub5 ist absolut noch gut machbar und gibt es aber auch nicht geschenkt. Ich habe beim Hermannslauf gemerkt, dass das beste Gefühl für mich nach einer sportlichen Leistung gar nicht so sehr dieses „Ich habe Zeit XYZ geknackt“ sein muss, sondern das Gefühl zu haben „Ich habe heute alles gegeben, was meinem Körper möglich war, habe mich nicht geschont, hatte trotzdem eine gute Zeit und bin nicht eingebrochen“. Und es wirkt heute so, als könnte ich auch mit diesem Gefühl rechnen.

Imke, bist du das?

Bei KM25 laufen wir am Eichamt vorbei. Alle Gemischtes-Hack-Hörer wissen, warum ich lachen muss.

Wegweiser 'Eichamt' an der Marathonstrecke
Schneider, Eichamt

Aber Moment, schon KM25? Ey, wie geil. Das fühlt sich noch gar nicht wie KM25 an. Ich habe wirklich eine gute Zeit.

Bei der Verpflegungsstelle dann denke ich plötzlich „Moment, die kennst du doch.“ „Imke, bist du das?“. Neben mir läuft die Ultraläuferin und Influencerin Imke Salander. Gemeinsam mit Maren Schiller macht sie heute den dreifachen Marathon. Die beiden sind in der Nacht vorher bereits zweimal die komplette Strecke abgelaufen und befinden sich jetzt auf KM112 ihrer Challenge, während ich erst bei KM28 bin. Die erste Stunde der Challenge habe ich am Vorabend noch im Livestream geguckt. Was für Maschinen. Schnell Selfie mit den beiden und weiter geht’s.

Selfie im Rennen mit zwei Läuferinnen
Was für Maschinen

Das ist zu krass, wie verrückt diese Sportwelt ist. Ist wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass das alles nicht normal ist. Drei Marathons sind nicht normal. Marathons sind nicht normal. Ironman ist nicht normal. Das ist alles unfassbar krass und ich bin froh, irgendwie (durch eine Wette!) Teil dieser Welt geworden zu sein und jetzt diesen Marathon hier erleben zu dürfen.

Ab KM30 wird’s hart

Bei KM30 wird es dann auch endlich erwartungsgemäß hart. Ich würde sagen es liegt heut weniger an der Ausdauer, sondern viel mehr an den Stoßdämpfern.

Alexander Troost läuft an einer Bushaltestelle vorbei
Die Schritte werden kürzer

Meiner Muskulatur fällt es einfach schwer die nötige Spannung weiter aufrecht zu erhalten und so werden meine Schritte spürbar kürzer, Pace und Puls sacken auch ein. Im Kopf rechne ich ein bisschen durch, wie viel Vorsprung ich auf eine Sub5 habe. Trotz aller Garmin-Datenfelder ist man ja mit Belastungspuls immer irgendwie 20 IQ-Punkte dümmer und so muss ich wirklich lange rechnen, bis ich zu der Erkenntnis komme „Einfach sauber durchlaufen und außer zur Verpflegung keine Gehpausen“.

Alexander Troost im Rennen mit Blick auf die Uhr
Moment, ich rechne

Bei KM33 bin ich inzwischen auf dem Ku’damm. Der nächste Ausdauersport-Celebrity! Am Streckenrand steht Kim Gottwald, der Veranstalter des „Last Soul Ultra“. Selfie bitte!

Selfie mit einem Zuschauer am Ku'damm
Selfie bitte!

Ein letztes Selfie steht noch auf der To-do-Liste für heute. Die vielleicht berühmteste Lauf-Influencerin „Paula“ hat auf Instagram angekündigt bei KM35 zu stehen. Das wäre doch nice. Oder zumindest mit Dori.

Und – was soll ich sagen – genau wie Yannik verpasse ich auch Paula. Aber dafür lenkt mich die „Suche“ nach ihr ab.

Alexander Troost im Rennen auf einer baumgesäumten Straße
Paula? Paula?!

Die letzten KM eines Marathons sind immer hart. Das Anlaufen nach der Verpflegungsstelle bei Schmerzen im ganzen Körper kostet viel Überwindung. Trotzdem bin ich bei bester Laune. Das Wetter ist fantastisch, die Zuschauer Wahnsinn und die Kulisse von Berlin sorgt natürlich für das Übrige. Bei KM40 ist die letzte Verpflegung. Nochmal lecker Wasser und Tee. Gibt leider keine Cola. Schade, hätte ich mir verdient.

Alexander Troost läuft über den Gendarmenmarkt, im Hintergrund der Französische Dom
Wie im Museum
Alexander Troost winkt am Potsdamer Platz
Trotzdem bei bester Laune

Unter den Linden

Es geht vorbei am Gendarmenmarkt. Das wirkt nun aber wirklich, als würde ich durch ein Museum laufen. Wahnsinn. 40,5 steht inzwischen auf meiner Uhr. Weit kann das nicht mehr sein. Nochmal links, nochmal rechts, nochmal links. Mir fällt es schwer, mich zu orientieren. Und dann ist es soweit. Wir biegen links ab auf die vielleicht berühmteste Straße Deutschlands „Unter den Linden“. Es läuft laute Musik vom Streckenrand und Moderator auf der Bühne dort ist ausgerechnet Hartwig Thöne, der mich schon bei endlos vielen Triathlons als Moderator ins Ziel gebrüllt hat. Links das Adlon und vor mir der Pariser Platz mit dem Brandenburger Tor. Mir schießen sofort Tränen in die Augen.

Ist das alles Wahnsinn hier. Die ausländischen Teilnehmer um mich herum rasten komplett aus, ich laufe völlig gerührt durchs Brandenburger Tor. Danach ist das Ziel schon zu sehen. Für einen letzten kleinen Sprint reicht es. Mit einem strahlenden Lächeln laufe ich ins Ziel. Geschafft.

Alexander Troost jubelt nach dem Durchlaufen des Brandenburger Tors
Ich würde sagen, das zählt als gute Laune

Ich brauche einen Moment, das alles zu realisieren. Es ist tatsächlich vorbei. Kurz noch einmal umdrehen, Moment aufsaugen, Dankbarkeit empfinden, glücklich sein. Am Ende ist es eine 4:52 geworden. Interessiert mich an diesem Tag aber wenig. Ich habe beste Laune und bin mit einem Lächeln ins Ziel gekommen. Beste Leben.

Selfie mit Finisher-Medaille des Berlin Marathons
Beste Leben

3 von 8

Nach einer wohltuenden Dusche im Hotel treffe ich mich mit Freunden noch zum Pizza-Essen. Mein Fazit ist klar: Unser deutscher Marathon Major steht Chicago und New York in nichts nach!

Pizza und Bier im Restaurant am Abend nach dem Marathon
Hab ich mir verdient

Damit habe ich 3 von 6 Marathon Majors absolviert. Aber da habe ich die Rechnung ohne diesen Welt-Marathon-Verband gemacht. Sydney und Kapstadt sind nun auch offiziell Marathon Majors. Damit sind es 3 von 8. Und ehrlicherweise, hätte schon Bock auf Australien nächstes Jahr. Wer ist dabei?

Plakat der Abbott World Marathon Majors mit acht Städten
Bock auf Australien?

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