Da stehe ich also wieder. Am Sandstrand am Langener Waldsee, es erklingt traditionell „Hells Bells“ von AC/DC und IRONMAN-Moderator Paul Kay animiert zum Wikinger-Clap.

Heute sollte es mein vierter IRONMAN werden. Auch wenn die meisten von Euch es schon zigfach ungefragt von mir erklärt bekommen haben: IRONMAN ist in erster Linie eine Marke und ein Veranstalter. Die damit verbundene Distanz ist offiziell die Triathlon-Langdistanz und umfasst 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und einen abschließenden Marathon von 42,195 km.
Heute aber nicht. Aufgrund der Temperaturen von bis zu 40 Grad wurde die Gesamtdistanz verkürzt, so dass zwar die regulären 3,8 km geschwommen werden, das Radfahren allerdings auf 125 km und das Laufen auf den Halbmarathon von 21,1 km gekürzt wird.
Strecke gekürzt
Die Nachricht der Streckenkürzung erhalte ich beim Rewe in Hanau an der Kasse. Es ist der Freitag vorm Rennen und mein Studienfreund Daniel ist bei der Wettkampfbesprechung anwesend und versorgt uns per WhatsApp mit Informationen. Mittags gab es bereits erste Gerüchte, dass diese Kürzung wohl im Gespräch war, da der IRONMAN in Nizza auf Druck der französischen Regierung sogar komplett abgesagt wurde.
Die Nachricht trifft uns erstmal ziemlich. Uns, das sind Tommi, Arnold, Samu und ich. Ich hab es tatsächlich geschafft, drei weitere verrückte Kollegen zu finden, die mit mir auf die Langdistanz gehen wollen.
Die letzten Tage waren bei Blick in die Wetter-Apps bereits ein emotionales Auf und Ab. Unser Airbnb in Hanau ist wirklich nur mit ganz viel Fantasie bewohnbar. Ein Schlafzimmer liegt direkt unterm Dach, was praktisch nicht betreten werden kann, so dass Samu und ich für die Nächte in ein klimatisiertes Hotel wechseln und Tommi die Nächte auf einer speziellen Matratze in seinem Tesla im Camping-Modus verbringt. Nur Schwabe Arnold schwitzt die Nächte im Airbnb durch.
Muss sagen, dass ich mit meiner Entscheidung sehr zufrieden bin. Sich abends kalt abduschen und dann bei angenehmen 21 Grad wirklich ruhig schlafen zu können, war wirklich Gold wert.
Die Tage vor dem Rennen sind bei diesem Wetter eine besondere Belastung. Ich trage durchgehend Fußballtrikots, um irgendwie den Schweiß aufsaugen zu können, und trinke pro Tag zwischen 6 und 8 Litern Wasser.
Beim Check-in am Vortag parken wir unsere Autos im Nebenort und fahren die 3 km zum Check-in hin und wandern zurück, um auf die Shuttle-Bus-Fahrt bei 40 Grad zu verzichten.

Aber zurück zur Startlinie.
Gesund und fit an die Startlinie
Ich werde diesmal noch einen eigenen Artikel schreiben über den Ironman vor dem Ironman. Denn das habe ich in all den Jahren gelernt: Gesund und fit an die Startlinie kommen, das ist das Allerwichtigste.
Ich habe in dieser Vorbereitung noch einmal viel über mich gelernt und auch darüber, wie man gut trainiert. Ich bin mit der Vorbereitung sehr zufrieden, das habe ich gut gemacht.
Kann nur jedem empfehlen, dieses Fazit bereits ein oder zwei Wochen vor dem Start zu ziehen, denn am Wettkampftag kann wirklich noch viel passieren, was weit außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegt.
So stehe ich da also jetzt zwischen meinen drei Arbeitskollegen und meinem Studienfreund Daniel und warte auf den Start.

Und – was soll ich sagen – mal wieder ist der Support einfach nur großartig. Edelsupporterin Alissa hatten wir am Vortag schon getroffen, auch Samus Freundin Lea und seine Family waren bereits angereist. Aber auch unsere Kollegin Marie ist aus dem hessischen Friedberg angereist, Yannik und Antonia schon am Vorabend aus Berlin und Edelsupporter Jan-Michael ist um 2 Uhr morgens im Sauerland losgefahren, um pünktlich beim Schwimmstart zu sein.
Ich habe vorher ganz bewusst an alle kommuniziert: Ich freue mich natürlich über jeden, der kommt, aber bei dem Wetter, ganz im Ernst: Bleibt zu Hause.
Umso überwältigender ist natürlich diese Anwesenheit. Tommi sagt zu mir: „Warte mal, ist das Jan-Michael oder einfach nur ’n Typ im Hemd? Das ist Jan-Michael. Alter, ist das ein Freund.“ Mit Tränen in den Augen springen wir in den See und es geht los.

Schwimmen
Alter, wie pisswarm sind denn bitte 30 Grad Wassertemperatur. Der Langener Waldsee hat jedenfalls nichts mehr mit Erfrischung zu tun. Ab 24,5 Grad Wassertemperatur sind übrigens wegen Überhitzungsgefahr Neoprenanzüge verboten. Jeder Amateur hofft eigentlich auf Neo-Erlaubnis, da diese Anzüge auch ordentlich Auftrieb bringen.
Aber was soll’s, auch wenn Schwimmen nach wie vor meine „Kein Bock auf Training“-Disziplin ist, so fleißig wie diese Saison war ich eigentlich noch nie und habe ein paar entscheidende Fortschritte gemacht. Schnell ist der Landgang erreicht und ich bin auf der zweiten Hälfte. Wie auch schon 2024 wird es jetzt zunehmend zäh. Ich merke mehr und mehr, wie ich die Körperspannung nicht mehr halten kann und meine Beine absinken, wodurch ich langsamer werde.
Nach der letzten Wende geht es jetzt die letzten knapp 1000 Meter straight Richtung Strand und voll in die Sonne. Ich habe meine ungetönte Schwimmbrille an und kann fast nichts sehen. Joa, egal, ich orientiere mich eh nicht an Bojen, sondern am Vordermann.
Tja, denkste. Plötzlich taucht ein Boot vor uns auf, auf dem ein Helfer ein riesiges Schild mit einem Pfeil nach rechts hochhält. So ziemlich der gesamte Schwimmpulk war im Begriff, eine Boje auszulassen, also nochmal rechts abbiegen und alles regelkonform mitnehmen.
Meine Garmin misst nachher, dass ich 4,1 km geschwommen bin. Trotz Extrametern und trotz der abartigen Wassertemperatur bin ich schneller als 2024 gewesen, damit bin ich zufrieden.
Rückblickend wäre es strategisch übrigens sinnvoller gewesen, bei dem Wetter nicht so hart zu schwimmen, aber sei es drum, ich bin nämlich schon ziemlich angeschossen. Stört mich in diesem Moment wenig, ich freue mich aufs Radeln.
Ab aufs Rad
Am Wechselplatz ziehe ich Helm, Brille, Socken und Radschuhe an und nun zum wichtigsten Punkt des Tages: Sonnencreme. Ich hab mir extra in zweifacher Ausfertigung so ein Sportsonnenspray zugelegt, so dass ich mich in beiden Wechselzonen ordentlich eincremen bzw. einsprühen kann.
Mein Nacken brennt bereits. Hm, ist das Sonnenbrand oder wundgerieben vom Anzug beim Schwimmen?
Egal, los geht’s.
Am Radstart stehen die Supporter und feuern mich an. Es folgt die schönste halbe Stunde des Tages. Die ersten 15 km vom Waldsee in Richtung Innenstadt geht es kerzengerade auf einer Landstraße entlang und konstant zwischen 0,5 und 1,5 % bergab. Tommi würde sagen: „Hier kannst Du Deine Perks voll ausspielen“. Als ich in der Stadt ankomme, kratze ich am 40-km/h-Schnitt. Denke mir: „Wenn das so weitergeht, bin ich bald Erster“.

Irgendwie fehlt mir aber etwas Spritzigkeit in den Beinen. Die Pedale drehen sich gefühlt schwerer als sonst. Abends bei der Analyse meiner Leistungsdaten stelle ich fest, dass ich mich meinem Puls zufolge beim Schwimmen schon ziemlich aus dem Leben geschossen habe. Aber sei es drum.
Dieses merkwürdige Format mit den veränderten Streckenlängen werde ich in meinem Leben nie wieder absolvieren und damit ist die Gesamtzeit sowieso mit nichts vergleichbar. Hier gilt heute nur eins: Gesund ins Ziel kommen.
Die Stimmung am berühmten Anstieg „The Beast“ ist bombastisch. Ich achte in der Verpflegung drauf, mir wirklich auch zwei Wasserflaschen anreichen zu lassen, dazu noch eine Flasche Iso, und ich achte den gesamten Tag drauf, dass ich bis zur nächsten Verpflegung auch alles ausgetrunken habe. Rückblickend würde ich sagen, ich kam damit auf dem Rad auf ca. 2 Liter pro Stunde, was vermutlich etwas zu wenig war.
Die erste Radrunde läuft gut. Ich kenne die Strecke inzwischen ganz gut, da ich auch 2025 hier spaßeshalber mal langgefahren bin. Ich habe viel Zeit (und Geld – das bleibt in dem Sport nicht aus) in die Positionsoptimierung auf meinem Fahrrad gesteckt und fühle mich (vor allem natürlich im Flachen) sehr wohl.
Kurz vor dem Ende der Radrunde wartet ein mir noch unbekannter Berg auf mich. Der „Heartbreak Hill“. Ja, die Stimmung am Rand hat wirklich was von Tour de France und ich fühle mich gut supported, aber bei den inzwischen 38 Grad hier nun in der prallen Sonne bergauf zu klettern, ist wirklich nix für mich. Oben angekommen freue ich mich wahnsinnig über die Verpflegungsstelle. Ich gieße mir erstmal 3 Trinkflaschen über den Helm und versuche mich irgendwie runterzukühlen. Die alte Regel ist: Wenn man einmal überhitzt ist, dann kommt man nicht mehr runter von der Temperatur. Und meine Sorge ist, dass das passiert ist.
Die nächsten Kilometer geht es bergab in die Innenstadt und ich nutze die Zeit, um mich etwas zu verpflegen und irgendwie auch mental zu sortieren. Das erste Mal an diesem Tag kommt mir der Gedanke: „Vielleicht schaffe ich das ja doch nicht“.
Es ist mit Sicherheit noch nicht die Höchsttemperatur erreicht und mein Körper leidet bereits jetzt wirklich ordentlich darunter. Mitten in diesen negativen Gedanken höre ich von hinten „Mooohoiin“.
Das ist Samu! Wir quatschen etwas und fahren mehr oder weniger nebeneinander an unseren Supportern vorbei. Schönes Bild.
Runde Zwei
Also gut, in dem Trubel bin ich jetzt natürlich auf die zweite Runde abgebogen und aufhören wäre jetzt ja irgendwie blöd. Auf der flachen Hanauer Landstraße hole ich Samu wieder ein und konzentriere mich darauf, hier nicht durch ein Schlagloch zu Fall gebracht zu werden. Das ist wirklich eine Scheißstraße, liebe Stadt Frankfurt. Da müsst ihr mal was machen.
Den Anstieg „The Beast“ fahren Samu und ich nebeneinander gemeinsam hoch. Das ist wirklich eine schöne Ablenkung und eine tolle gemeinsame Erfahrung. Ich klage Samu etwas mein Hitzeleid. Ihm geht es noch gut.
Lustigerweise erzählt mir Samu abends, dass er sich kurze Zeit drauf gefragt hat: „Wie geht es mir eigentlich mit der Hitze?“ und auch zur Antwort „ziemlich scheiße“ gekommen ist, um sich in der nächsten Verpflegung dann ebenfalls mit Trinkflaschen abzuduschen.
Bei mir meldet sich inzwischen „Problem Nummer zwei“. Bei der Hitze schwellen einem die Füße an, was dazu führt, dass mein rechter Fuß wirklich höllisch wehtut. Ich halte extra an und lockere den Schuh. Hilft nur mäßig. Ich will nicht mehr.
Nach dem Wendepunkt auf der Radstrecke fährt man sich ein Stück entgegen. Ich höre von der gegenüberliegenden Bahn ein deutliches „Bierjunge!“. Ah, das muss Daniel sein. Er hatte angekündigt, wirklich sehr locker zu schwimmen, um sich die Kräfte fürs Radfahren aufzusparen. Hätte ich wohl auch machen sollen.
Kurze Zeit später überholt er mich, bevor ein Kampfrichter ihn verscheucht. Jaja, Nebeneinanderfahren ist verboten. Ist ja gut. Wir haben es aber auch bald geschafft.
Noch ein letztes Mal Heartbreak Hill und ab in die zweite Wechselzone. Die Helfer nehmen mir mein Rad ab und ich bin wirklich froh, dass ich hier gesund angekommen bin.
Im Wechselzelt sitzen bereits Samu und auch Daniel – ich setze mich dazu. Schon irgendwie lustig. 3.000 Starter, knapp 6 h Sport bis hier, nur damit ich hier quasi zeitgleich mit meinen zwei Freunden auf die Laufstrecke gehe. Hätten wir uns ja den ganzen Quatsch sparen können und einfach nur Halbmarathon laufen.
Sonnencreme darf natürlich nicht fehlen und dann geht es los.
Der finale Lauf
Natürlich – wie es sich gehört – laufe ich viel zu schnell und euphorisiert an. Nach kurzer Zeit stehen die Supporter am Rand und die Laufstrecke eines Triathlons beginnt ja grundsätzlich immer mit der Emotion „Geil, ich werde es heute ins Ziel schaffen“.
Bereits nach 1,5 km stellt sich mir die Frage, ob es heute wirklich so kommt. Hier in der Innenstadt werden an diesem Tag gefühlte Temperaturen von über 40 Grad gemessen. Das ist wirklich einfach kein Wetter, in dem ich Sport machen sollte.
Ich nutze jede Verpflegung, um mich komplett abzuduschen und viel Wasser (mit Salz) zu trinken.
Als wäre das alles nicht genug, meldet sich bei KM 3 mein Magen. Irgendwie grummelt es da ordentlich. Damit hatte ich in meiner Ausdauersportkarriere bisher tatsächlich noch nie Probleme, aber heute scheint es so weit zu sein. Hilft alles nix: Ich muss aufs Dixiklo.
Ich erspare euch mal sämtliche Details, aber das war in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung und ich bin sehr froh, dass mein Magen sich dadurch beruhigt hat.
Unglücklicherweise reißt mir der Reißverschluss meines Einteilers beim Versuch, diesen wieder anzuziehen, so dass ich jetzt den Rest des Tages mit einem Einteiler, der etwa bis zur Bauchnabelhöhe offen ist, zurücklegen muss. Dabei fühle ich mich unwohl, aber es packt mich diese Emotion von „Ich bin nicht so weit gekommen, um jetzt wegen eines zerrissenen Reißverschlusses hier nach dem Dixi-Stopp mein Rennen zu beenden“.
Wenn ich bis hierhin gekommen bin, dann werde ich das auch alles schaffen.
Der folgende Kilometer ist der schnellste des Tages. Ich werde das schaffen.
Kurz vor Ende meiner ersten Runde überholt mich Arnold, für ihn geht es in 2 km schon auf die Ziellinie. Wir laufen ein paar hundert Meter zusammen und tauschen uns aus. Arni hatte sogar technische Probleme am Rad und musste am Mechanikerstand halten. Gott sei Dank hat trotzdem alles geklappt.
Ich wünsche ihm einen wundervollen Zieleinlauf und starte auf meine letzte Runde.
Am Ende wird es immer hart
Inzwischen ist mir ehrlicherweise selbst in den Gehpausen zu heiß. Aber irgendwie vergeht die Zeit. Das Publikum ist fantastisch. Entlang des Maines sind jede Menge Restaurants und ich mache mehr als einmal die Erfahrung, dass das gesamte Restaurant zu klatschen beginnt, wenn man nach einer Gehpause wieder zu laufen beginnt.
Ich lerne einige andere Starter kennen. Sie berichten von ihren Hitzeschlachten und leider auch von einigen Stürzen. Tommi war gestern noch ein Reifen kaputtgegangen und auch ich hatte am Vortag irgendwie Luftdruck verloren, aber toi, toi, toi, so richtig technischen K.o. hatte ich noch nie.
Ich nähere mich der Ziellinie.
Mal wieder nehme ich mir vor, die Momente so bewusst wie möglich aufzunehmen, aber – ganz ehrlich – mal wieder gelingt es mir nicht. Ich weiß nicht, warum, aber dieser ganze Jubel, die Anfeuerung, die Worte über die Lautsprecher „Alexander Troost – You are an Ironman“, das ist alles so überwältigend, es fühlt sich jedes Mal hinterher an, als hätte ich einen sehr löchrigen Vollrausch-Filmriss mit ein paar wenigen Bildern.
Ich halte den Supportern noch vier Finger hoch: „Mein vierter Ironman“ – und ab geht es ins Ziel.
Im Ziel
Im Ziel ist die Versorgung fantastisch. Eine Helferin begleitet mich für einige Minuten, um sicherzustellen, dass es mir wirklich gut geht. Im Zielbereich treffe ich Daniel. Bei Cola und Pizza resümieren wir den Tag. Geil, dass das irgendwie geklappt hat.
Anschließend stoßen wir zu den Anderen. Daniel nennt es so schön „die mindsquare-Triathlon-Familie“. Das beschreibt es wirklich am besten.

Fazit
Es war dann wohl der kürzeste IRONMAN meines Lebens, aber es war auch der härteste. Noch nie musste ich so leiden. Aber ich war auch noch nie so stolz auf das Ergebnis. Nicht nur das Ergebnis an diesem Tag, sondern auch die Vorbereitung bis zur Startlinie. In 7 Jahren Triathlon und 5 Jahren Langdistanz-Training hatte ich noch nie eine so konstante Trainingsgruppe, die mich wirklich durch das Jahr getragen hat.
Darum drücken wir mal alle fleißig die Daumen, dass morgen auch jeder einen Startplatz bei der Challenge Roth 2027 bekommt. Da wollen wir nämlich wieder auf die Langdistanz!
