Warum es großartig ist, in der niederrheinischen Provinz aufzuwachsen

Ich komme vom linken Niederrhein. Malerisches Borussenland, Altbieruniversum und Grenzregion zu den Niederlanden.
Es ist dörflich bei uns. Unsere Straße endet im Feld, der Ortsteil hat 8000 Einwohner, am Wochenende fährt zweimal täglich ein Bus.
Ich weiß, liebe süddeutschen Leser, für Euch wirkt das quasi schön wie eine Metropole. Ich fühlte mich dennoch immer wie ein Dorfkind. Du kriegst die Leute aus dem Dorf, aber das Dorf nicht aus den Leuten.

Die Reisemittel

ÖPNV Homebase
ÖPNV Homebase

Ich weiß es nicht, ob das in Großstädten tendenziell anders ist, aber ich hab gefühlt meine halbe Jugend auf Bahn- und Busreisen im Rahmen des Schulweges verbracht. Da lernste mal Entschleunigung. Nicht Schule aus und direkt zu Hause an die Playstation. Erstmal 25 Minuten in Dülken zum Bahnhof laufen, 10 Minuten warten, 15 Minuten Zug fahren, 15 Minuten nach Hause laufen, eine Runde mit dem Hund und dann ab an die Playstation. Viel besser. Ordentlich Zeit, das neue Ärzte-Album auf dem Discman zu hören.
Außerhalb vom Schulweg ist das Fahrrad natürlich das Mittel der Wahl. Durch jede verregnete Nacht, immer ein Rucksack Bier dabei. Einmal bin ich sogar während der Fahrt eingeschlafen, aber das ist eine andere Geschichte.

Ampeldisziplin

Ich gehe nicht bei Rot über die Ampel. Ich warte auf grün. Gibt eine Ampel, da falle ich immer wieder drauf rein. Berlin, vom Alexanderplatz Richtung Prenzlauer Berg an der Tankstelle da. Da stehe ich so ca. viermal im Jahr pflichtbewusst wartend bei Rot, nur um festzustellen, dass irgendwelche Berliner Hipster mich mit einem kurzen Lächeln links stehen lassen und über Rot laufen. Frechheit ist das! Bei Rot bleibst Du stehen, bei Grün darfst Du gehen! Ist ja hier kein Entwicklungsland.

Karneval

Karneval: nur echt mit holländischem Dosenbier
Karneval: nur echt mit holländischem Dosenbier

Ja, Karneval. Kein Fasching, ich bitte Euch. Und Karneval findet für mich weder in Köln, noch in Düsseldorf, sondern auf dem Land statt. In Bracht, Dülken, Breyell, Lobberich, Kaldenkirchen. 10 Uhr aufstehen und mit geklautem Einkaufswagen über die Landstraße in den Nachbarort. Als Wegzehrung Käsewürfel, Wurst und holländisches Dosenbier. Bei schlechtem Wetter auf irgendeinem Marktplatz stehen und mit allen alten Schulkameraden Bier trinken. Finde ich schon geiler, als in einer überfüllten Kneipe 2€ für ne Stange Kölsch zu zahlen.

Veranstaltungswesen

Es ist irgendwie ehrlicher, oder? Man lernt seine Dorfdisco lieben und feiert den 16. Geburtstag im Vereinsheim vom Turnverein. Für Konzerte muss üblicherweise in die nächste Großstadt gereist werden. Was war es doch für eine Sensation, als die Ärzte in der Eissporthalle des Nachbarortes gespielt haben. Da ist wirklich so ziemlich jeder hingefahren. Mit’m Rad!

Toleranz

Troostiboy in seiner wilden Zeit
Troostiboy in seiner wilden Zeit

Ja, auch das hat mit Dorf zu tun und auch ich als vermeintlicher rechtskonservativer Reaktionärer weiß das zu schätzen.
Wenn ich als 15jährige aufm Dorf plötzlich auf Idee komme, dass ich jetzt Punk sein will, dann kann ich das machen, juckt aber sonst keinen. Und vor allen Dingen kann ich jetzt deshalb nicht alle anderen doof finden. In der Großstadt geht das vielleicht, da hängen pubertäre Punks nur mit pubertären Punks rum. Die 16. Geburtstage, die ich besucht habe, waren viel eher ein Potpourri der Jugendkulturen. Drei Punks, ein Metaller, zwei Hippies, der Skater, drei Tussen und ein Hiphoper. Klingt wie ein zu langer Witzbeginn, ist aber Realität in dörflichen Jugendfreundeskreisen. Auch im dörflichen Vereinswesen.
Irgendwie belustigend und hilft auch dabei, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Die präferierte Jugendkultur der eigenen Identität wechselt da ja schnell durch. Macht schon irgendwie Sinn, dass man erst mit 18 wählen darf.

Schön war’s. Ich sollte mal wieder hin. Oder um es mit den Worten von Mia Julia zu sagen „Ich bin ein Dorfkind, darauf bin ich stolz“.

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